Irgendwann wurde es dem Kreml ganz offensichtlich selbst zu peinlich: Nachdem Wladimir Putins Zustimmungswerte sieben Wochen am Stück gesunken waren, stellte das staatliche Umfrageinstitut Wziom die Veröffentlichung der Daten nach dem 24. April vorübergehend einfach ein. Dieser Schritt markiert einen bemerkenswerten Wendepunkt in der russischen Innenpolitik, denn seit Jahren diente die Zustimmung des Präsidenten als zentrales Argument für die Legitimität seiner Herrschaft. Nun aber scheint selbst die Fassade der Popularität zu bröckeln, und der Kreml reagiert nicht mit Reformen, sondern mit Informationsblockade.
Hintergrund des Popularitätsverlusts
Putins Popularität, die nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 und zu Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 auf über 80 Prozent gestiegen war, ist seit Monaten rückläufig. Laut unabhängigen Meinungsforschern wie dem Lewada-Zentrum, die im Gegensatz zu staatlichen Instituten noch relative Freiheit genießen, ist die Zustimmung im April 2025 auf etwa 65 Prozent gefallen – der niedrigste Wert seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der anhaltende Krieg in der Ukraine, die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens, die Inflation und die zunehmende Zahl von Gefallenen belasten die russische Gesellschaft. Während der Kreml in den ersten Kriegsmonaten noch von einer „patriotischen Welle“ profitierte, hat sich die Stimmung in der Bevölkerung merklich abgekühlt. Viele Russen sind kriegsmüde, und die anfängliche Begeisterung ist der Sorge um die eigene Zukunft gewichen.
Die Rolle von Wziom
Das staatliche Umfrageinstitut Wziom (Allrussisches Zentrum für die Erforschung der öffentlichen Meinung) ist offiziell unabhängig, unterliegt aber starkem staatlichen Einfluss. In der Vergangenheit wurden Umfrageergebnisse mehrfach angepasst oder nicht veröffentlicht, wenn sie dem Kreml unangenehm waren. Die Entscheidung, die Daten ab dem 24. April nicht mehr zu publizieren, folgt einem bekannten Muster: Wenn die Zahlen nicht in das vom Regime gewünschte Bild passen, verschwinden sie schlicht. Bemerkenswert ist jedoch die Begründung: Wziom gab an, man wolle die Methodik überarbeiten und die Daten in neuer Form vorlegen. Kritiker sehen darin einen Vorwand, um die tatsächliche Entwicklung zu verschleiern.
Mögliche Auswirkungen auf den Machtapparat
Der sinkende Rückhalt in der Bevölkerung könnte tatsächlich zum „Trigger für einen Kampf im Machtapparat“ werden, wie es ein russischer Politikberater anonym formulierte. Denn Putins System stützt sich seit jeher auf die Loyalität von Eliten, die ihre Positionen seiner Führungsstärke verdanken. Sollte der Präsident schwach erscheinen, könnten interne Rivalitäten offen ausbrechen. Besonders die sogenannten „Silowiki“ – die Sicherheitskräfte und Geheimdienste – sowie die wirtschaftsnahen Liberalen könnten versuchen, ihre Positionen zu sichern. Es ist kein Geheimnis, dass es innerhalb des Kremls immer wieder Machtkämpfe gibt, die unter der Oberfläche brodeln. Ein dauerhafter Popularitätsverlust Putins könnte diesen Fraktionen einen Vorwand liefern, um ihre eigenen Ambitionen zu verfolgen.
Historische Parallelen
In der russischen Geschichte gab es mehrere Momente, in denen sinkende Zustimmung zu Führungswechseln oder Putschversuchen führte. Am bekanntesten ist der Augustputsch von 1991, als konservative Kräfte versuchten, Michail Gorbatschow zu stürzen, weil sie seine Reformpolitik und den Machtverlust der Kommunistischen Partei fürchteten. Auch Boris Jelzin erlebte in den 1990er Jahren tiefe Popularitätstäler, die jedoch nicht zu einem Sturz führten, weil die Eliten keinen geeigneten Nachfolger sahen. Putin selbst hat stets darauf geachtet, dass keine Alternative zu ihm aufgebaut wird; die politische Opposition ist systematisch zerschlagen worden. Dennoch: Je schwächer der Anführer erscheint, desto mehr wächst die Gefahr von innen.
Wirtschaftliche Faktoren
Ein Hauptgrund für den Popularitätsverlust ist die wirtschaftliche Lage. Die westlichen Sanktionen haben Russlands Wirtschaft schwer getroffen, auch wenn der Kreml sich bemüht, die Auswirkungen herunterzuspielen. Die Inflation liegt offiziell bei über 10 Prozent, inoffiziell noch höher. Lebensmittelpreise steigen, und der Rubel hat an Wert verloren. Zudem leidet der Arbeitsmarkt unter Fachkräftemangel, weil viele Männer zum Militär eingezogen wurden oder das Land verlassen haben. Die Mittelschicht, die einst zu Putins treuesten Anhängern gehörte, zeigt erste Ermüdungserscheinungen. In den sozialen Medien, die noch teilweise zugänglich sind, mehren sich kritische Stimmen. Der Kreml versucht gegenzusteuern mit Propaganda und der Darstellung des Krieges als Überlebenskampf, doch die Wirkung lässt nach.
Informationspolitik und Zensur
Die Aussetzung der Umfrageveröffentlichung ist Teil einer umfassenderen Strategie der Informationskontrolle. In Russland sind unabhängige Medien weitgehend verboten, und diejenigen, die noch existieren, unterliegen strenger Zensur. Der Zugang zu Internetseiten wie der Deutschen Welle oder BBC ist blockiert. Dennoch sickern immer wieder Informationen durch, zum Beispiel über regionale Kanäle oder ausländische Nachrichten. Die staatliche Propaganda bemüht sich seit Monaten, den Optimismus aufrechtzuerhalten, aber die Kluft zwischen offiziellen Darstellungen und der Lebensrealität der Menschen wird immer größer. Viele Russen vertrauen den offiziellen Umfragen ohnehin nicht; sie sehen die Diskrepanz zwischen dem, was im Fernsehen gesagt wird, und dem, was sie im Alltag erleben.
Internationale Reaktionen
Im Westen wird der Schritt von Wziom als weiterer Beleg für die Schwäche des Putin-Regimes gewertet. US-amerikanische und europäische Diplomaten betonen, dass die russische Führung offenbar Angst vor der eigenen Bevölkerung habe. „Wenn man die Wahrheit fürchtet, ist man nicht stark“, kommentierte ein EU-Sprecher. Allerdings gibt es auch Stimmen, die zu Vorsicht mahnen: Putins Macht sei noch lange nicht gebrochen, und autoritäre Regime könnten durchaus lange ohne breite Zustimmung überleben, solange die Repressionsapparate funktionieren. Dennoch ist es ein bedeutsames Signal, dass ein so zentrales Instrument der Legitimation wie die Zustimmungswerte nicht mehr veröffentlicht wird.
Zukunftsszenarien
Was wird passieren, wenn die Popularität weiter sinkt? Denkbar sind mehrere Szenarien: Der Kreml könnte versuchen, durch einen militärischen Erfolg in der Ukraine oder eine neue Mobilisierungswelle die Massen wieder hinter sich zu bringen. Allerdings ist beides riskant. Ein neuer Großangriff könnte die Verluste erhöhen und die Stimmung weiter verschlechtern. Eine erneute Mobilisierung wäre sehr unpopulär, wie die Proteste im Herbst 2022 gezeigt haben. Alternativ könnte Putin innenpolitisch härter durchgreifen, den Ausnahmezustand ausrufen oder die Opposition noch stärker unterdrücken. Das würde die Spannungen im Land zwar erhöhen, aber kurzfristig die Kontrolle sichern.
Langfristig bleibt die Frage, ob Putin seine Macht ohne starke Popularität aufrechterhalten kann. In autoritären Systemen ist die Unterstützung der Eliten oft entscheidender als die der breiten Bevölkerung. Solange die Sicherheitskräfte loyal bleiben, muss Putin nicht um seinen Stuhl fürchten. Doch wenn die Eliten das Gefühl bekommen, dass der Kapitän ein sinkendes Schiff steuert, könnten sie sich nach einem neuen Anführer umsehen. Der Kampf im Machtapparat, von dem eingangs die Rede war, könnte dann tatsächlich ausbrechen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Kreml die Kontrolle behält oder ob die Risse im System größer werden.
Source: Tagesspiegel News