Der Clean-Girl-Hype hat uns vor allem eines gelehrt: Matcha schmeckt gut und Selbstoptimierung ist der Schlüssel zum Glück. Doch seit 2024 zeichnet sich ein kultureller Gegentrend ab. Die Party Girls kehren zurück – und mit ihnen ein Lebensgefühl, das Chaos, Spontaneität und Hedonismus feiert. Warum dieses Comeback mehr ist als eine kurzlebige Modeerscheinung, erklärt dieser Artikel.
Der Aufstieg der Clean Girls und die Sehnsucht nach dem Gegenteil
Seit etwa 2022 haben Clean Girls und die sogenannte „Granny Era“ meinen Feed dominiert: 7-Uhr-Pilates, Matcha-Walks, perfekt zusammenpassende Sport-Sets, um 21 Uhr wieder ins Bett. Was als Ästhetik begann, wurde zur Leistungsanforderung. Wer nicht täglich seinen Schlaf trackt, „clean“ isst und fünfmal pro Woche Sport macht, hat irgendwie versagt – zumindest, wenn man TikTok, Instagram und Co. glaubt. Party machen, feiern bis zum Morgengrauen, den Tag danach mit Uber-Eats-Tüte im Bett verbringen, wurde unsexy. Und wer auch noch älter als 25 ist, puh, der hat sein Leben eh nicht im Griff, wenn kein Matcha-Rührbesen zu Hause steht.
Doch je länger dieser Trend anhielt, desto stärker wuchs das Bedürfnis nach einem Gegenentwurf. Der Drang nach Perfektion, nach kontrollierter Freizeit und optimierter Gesundheit begann zu ermüden. In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen und KI-generierten Bildern dominiert wird, sehnen sich viele nach Authentizität und Unvollkommenheit. Genau hier setzt das Party-Girl-Revival an.
Charli XCX und die „Brat“-Ära als Wendepunkt
Den ersten richtigen Riss in diese glatte Fassade schlug 2024 die Musikerin Charli XCX. Ihr Album „Brat“ erschien mitten in der Clean-Girl-Hochphase und wurde trotzdem zum kulturellen Phänomen des Jahres. Das Collins Dictionary kürte „brat“ zum Wort des Jahres 2024, definiert als „selbstbewusste, unabhängige und hedonistische Haltung“. Das Album? Ein Manifest für Party Girls: Themen wie Trotz, Chaos und die Ablehnung gesellschaftlicher Erwartungen, verpackt in Club-Ästhetik und Hyperpop. Dank „Brat“ wurde es wieder cool, kein Clean Girl zu sein.
Doch auf den popkulturellen Hype folgte ein weiteres Phänomen. Etwas, das noch viel perfekter ist als jeglicher Pilates-Body oder eine ausgeklügelte Skincare-Routine: Künstliche Intelligenz. KI-generierte Bilder und Videos verschieben unsere Wahrnehmung – und plötzlich lieben wir alles, was sie nicht sind. Das heißt vor allem: alles, was nicht perfekt ist.
Party Girls sind zurück: Eine Ode ans Feiern
Ich schreibe hier nicht objektiv – das möchte ich klarstellen. Ich bin ein Party Girl, seit ich als Teenager eins sein durfte, und werde es wahrscheinlich noch sein, wenn ich 70 bin. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. In meiner Familie wurde immer eine Flasche Eingekorktes kaltgestellt. Weil es immer einen Grund gibt, anzustoßen. Eine Job-Zusage. Eine Job-Absage. Eine neue Beziehung. Eine Trennung. Das Leben produziert Anlässe am laufenden Band. Ach ja, und übrigens: Ein Party Girl zu sein hat wenig damit zu tun, Alkohol zu trinken – wer seine Freundinnen heute noch schief ansieht, weil sie nichts trinken, hat den Titel definitiv nicht verdient.
Das Feiern zu lieben ist vielmehr eine Mentalität – und sie hat rein gar nichts mit Leistung zu tun. So viel in unserem Leben ist von To-Do-Listen und Erfolgschancen getrieben. Wie luftig ist das Brot, das wir gebacken haben? Wie gut war unsere Herzrate im Cycling-Kurs? Wie lang war unsere Tiefschlafphase – hoffentlich lang genug, um heute wieder fit für die Arbeit zu sein? Party Girls verkörpern das Gegenmodell: Sie feiern den Moment und nehmen keine große Rücksicht darauf, was im nächsten passiert. Es geht um Präsenz, um Gemeinschaft, um den Rausch des Augenblicks. In einer Zeit, in der alles Effizienz und Produktivität unterworfen wird, wirkt dieser Hedonismus fast rebellisch.
Historisch gesehen waren Party Girls oft Vorreiterinnen von Freiheit und Emanzipation. Von den Flapper Girls der 1920er Jahre über die Disco-Queen der 1970er bis hin zu den It-Girls der 2000er – jede Dekade hatte ihre eigenen Symbole weiblicher Unabhängigkeit, die sich über Konventionen hinwegsetzten. Der heutige Party-Girl-Trend knüpft an diese Tradition an, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Er ist bewusster, inklusiver und weniger selbstzerstörerisch. Es geht nicht um Exzess um des Exzesses willen, sondern um das bewusste Eintauchen in eine Sphäre jenseits des Optimierungsdrucks.
Aber müssen wir uns eigentlich entscheiden?
Dass es weder gesund noch erstrebenswert ist, an sieben Tagen in der Woche ein Party Girl zu sein, sollte nicht unerwähnt bleiben. Auf TikTok scheinen Trends immer ultimativ: Wer ein Clean Girl ist, macht Pilates, trackt Schlaf und Kalorien und geht um 21:30 Uhr mit Overnight Curls ins Bett. Wer ein Party Girl ist, feiert jedes Wochenende durch, trinkt literweise Alkohol und hat sein Leben nicht im Griff. Diese Schubladenmentalität suggeriert uns, wir müssten genau eine Version von uns sein. Als gäbe es keine Zwischenstufen. Keine Menschen, die morgens zum Pilates gehen und nachts trotzdem tanzen wollen. Keine, die ihren Matcha trinken und danach Dirty Martinis bestellen. Die gerne feiern, ohne dabei komplett zu eskalieren, und es am nächsten Morgen fit aus dem Bett schaffen. Bei allem, was wir auf Social Media nur in Schwarz oder Weiß sehen, vergessen wir manchmal, dass wir eigentlich in Grautönen leben – und leben sollten!
Das Comeback der Party Girls bedeutet nicht, dass alle wieder exzessiv feiern wollen – sondern die Sehnsucht, nicht jede freie Minute optimieren zu müssen. Es ist ein kulturelles Signal: Nach Jahren der Selbstoptimierung und des Perfektionismus sehnen wir uns nach Spontaneität, nach ungeplantem Vergnügen, nach Dingen, die sich nicht in Kalorienzähler oder Schlaf-Tracker einordnen lassen.
Die Modeindustrie hat diesen Trend ebenfalls aufgegriffen: Glitzer, Leder, auffällige Accessoires und alles, was nach Clubnacht aussieht, feiert ein Revival. Auch die Musikszene spiegelt das wider – neben Charli XCX sind Künstlerinnen wie Troye Sivan, Rina Sawayama oder die Wiederentdeckung von Eurodance-Klassikern Teil dieser Bewegung. Selbst in der Welt der Beauty-Trends setzen sich wieder auffällige Lidschatten und glossige Lippen durch, die nach nächtlicher Aktivität schreien.
Von einer theoretischen Perspektive aus betrachtet, ist der Party-Girl-Trend auch eine Reaktion auf die zunehmende Digitalisierung und die Krise der Authentizität. In einer Welt, in der KI immer perfektere Bilder produziert, wird das Unperfekte, das Echte, das Chaotische zum Luxusgut. Das Party Girl verkörpert diesen Luxus: Es ist unberechenbar, ungeschönt und unangepasst. Es erinnert uns daran, dass das Leben nicht aus Algorithmen besteht, sondern aus unvergesslichen Nächten, schweißgetränkten Tanzflächen und den Momenten, die wir nicht planen können.
Darüber hinaus bietet der Trend eine willkommene Abwechslung von der grassierenden „Quiet Luxury“-Ästhetik, die ebenfalls lange die Bildschirme beherrschte. Wo dezente Eleganz und Understatement gefragt waren, setzt das Party Girl auf laute Farben, provokante Outfits und eine gewisse Form der Narrenfreiheit. Es ist eine visuelle und emotionale Befreiung von den Zwängen der Erwachsenenwelt.
Ein weiterer Aspekt ist die soziale Komponente: Party Girls kultivieren eine Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Erlebnissen und weniger auf individueller Leistung basiert. In einer Zeit, in der viele unter Einsamkeit leiden und echte Verbindungen seltener werden, schafft das gemeinsame Feiern einen Raum für Begegnungen, die nicht durch Bildschirme vermittelt sind. Es ist ein Plädoyer für das reale Leben, für Umarmungen, für lautes Lachen, für das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Kritiker mögen einwenden, dass dieser Trend ungesund sei, dass er Drogenkonsum oder Alkoholmissbrauch verherrliche. Doch wie bereits betont, geht es nicht um Exzess, sondern um eine Haltung. Die moderne Party-Girl-Philosophie ist inklusiv und sucht nach Formen des Feierns, die ohne Rauschmittel auskommen. Nüchtern tanzen, bewusst genießen, sich im Club mit Freundinnen treffen – all das ist Teil dieser Bewegung. Es geht um die Freude an der Bewegung, am Rhythmus, an der Freiheit, einfach mal loszulassen.
Vielleicht ist der Party-Girl-Trend auch ein Zeichen dafür, dass wir kollektiv müde sind von der Verantwortung, die uns die Selbstoptimierungsindustrie auferlegt hat. Wir wollen nicht mehr ständig an uns arbeiten, unseren Körper optimieren, unsere Zeit effizient nutzen. Wir wollen wieder spielen, feiern, genießen – ohne schlechtes Gewissen. Das ist der wahre Kern dieses Comebacks.
Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich dieser Trend weiterentwickelt. Wird er sich mit dem Clean-Girl-Lifestyle vermischen? Werden wir eine neue Synthese finden, die das Beste aus beiden Welten vereint – morgens Pilates, abends Tanzfläche? Oder wird das Party Girl weiterhin als Gegenentwurf bestehen bleiben und sich immer wieder neu erfinden? Sicher ist nur, dass es ein Ventil ist für den wachsenden Druck einer leistungsorientierten Gesellschaft – und dass dieses Ventil dringend gebraucht wird.
Ich persönlich freue mich auf die kommenden Nächte. Auf das Gefühl, wenn der Bass durch den Körper vibriert, die Lichter blinken und alle Sorgen für einen Moment vergessen sind. Auf das Lachen mit Freundinnen, das ungeplante Abenteuer, den Sonnenaufgang nach einer durchtanzten Nacht. Denn am Ende sind es genau diese Momente, die uns daran erinnern, was es heißt, lebendig zu sein.
Source: MSN News