Es war einer jener Momente, die ein Sportereignis unvergesslich machen – nicht wegen eines spektakulären Punktes, sondern wegen der plötzlichen Leere, die ein Protagonist hinterlässt. Nachdem Ma Long seinen deutschen Kontrahenten Timo Boll in einem denkwürdigen Viertelfinale der Tischtennis-Weltmeisterschaft 2017 in Düsseldorf besiegt hatte, durchquerte ich wie viele andere Journalisten die Mixed-Zone. Ich suchte meinen Platz mit Bedacht aus: nicht ganz am Anfang, aber auch nicht direkt vor dem Ausgang. Doch dann, Ma Long hatte gerade erst die Fragen aller chinesischen Reporter beantwortet, tauchte plötzlich jemand aus seinem Umfeld auf, flüsterte ihm etwas zu, der Superstar lachte – und weg waren sie. Verschwunden. Kein weiteres Interview, keine lockere Plauderei. Der beste Tischtennisspieler der Welt hatte sich unsichtbar gemacht.
Es war ein rätselhafter Abgang, der Fragen aufwarf. War er verärgert? Zu müde? Oder steckte einfach ein perfekt getimter Fluchtplan dahinter? Die Antwort fand ich erst später, als ich mehr über diesen außergewöhnlichen Athleten erfuhr. Ma Long, der „Drachen“ Chinas, ist nicht nur für seine überragenden Leistungen bekannt, sondern auch für seine eigenwillige Art, mit dem Ruhm umzugehen. Während die anderen Journalisten sich längst Timo Boll zugewandt hatten – der als Hesse in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt fast wie ein Lokalmatador gefeiert wurde –, stand ich da und staunte über die Leerstelle, die Ma Long hinterlassen hatte.
Das Spiel selbst war eine Demonstration seiner Klasse gewesen. Mit einer Mischung aus gefühlvollen Schupfbällen und druckvollen Topspins hatte er Boll in die Defensive gedrängt. Der 36-jährige Veteran gab zwar alles, die Fans skandierten „Timoo, Timooo“ – monoton, aber euphorisch –, und der Fieldreporter mit seinem unverkennbaren holländischen Akzent heizte die Stimmung weiter an: „Auf geht’s, Düsseldorf, pushen wir unseren Timo ins Halbfinale.“ Es nützte nichts. Ma Long war einfach zu stark, zu präzise, zu unbarmherzig. „Ich habe gegen einen Champion verloren“, sagte Boll hinterher voller Anerkennung. „Er ist ein Killer. Sobald ein Ball nicht ganz perfekt gespielt ist, zerstört er dein Spiel.“ Diese Worte hallten nach, während ich über Ma Longs Verschwinden rätselte.
Die Atmosphäre in der Halle war elektrisierend. Fast 9.000 Zuschauer im Düsseldorfer ISS Dome hatten ein packendes Duell erlebt. Ma Long, der zu diesem Zeitpunkt bereits Weltranglistenerster war und als Olympiasieger galt, zeigte einmal mehr, warum er als einer der besten Tischtennisspieler aller Zeiten in die Geschichte eingehen würde. Doch sein plötzliches Verschwinden ließ mich nicht los. War es Arroganz? Oder schlicht Übervorsicht? In China genießt Ma Long einen Status, der mit dem eines Popstars vergleichbar ist. Jede Bewegung wird beobachtet, jedes Wort zitiert. Vielleicht wollte er sich einfach den Luxus eines Moments der Ruhe gönnen, bevor er sich auf das nächste Spiel vorbereitete.
Später erfuhr ich, dass Ma Long und Timo Boll bei dieser WM sogar gemeinsam im Doppel antraten – ein ungewöhnliches Bild: der Chinese und der Deutsche als Team. Sie schieden im Achtelfinale gegen die chinesischen Stars Fan Zhendong und Xu Xin aus, die Nummer zwei und drei der Welt. Schätzungsweise 100 Millionen Menschen in China verfolgten diese Begegnung am Bildschirm. Allein diese Zahl verdeutlicht die immense Reichweite des Tischtennissports in Ma Longs Heimatland. Er ist dort nicht nur ein Sportler, sondern ein Nationalheld, der in jedem Dorf und jeder Schule bekannt ist. Sein Einfluss auf die Jugend ist enorm: Seit seinem Aufstieg in den 2010er-Jahren haben sich die Einschreibungen in Tischtennisvereinen in China verdoppelt.
Ma Longs Karriere ist gespickt mit Rekorden. Er gewann alle wichtigen Turniere, darunter die Weltmeisterschaften im Einzel mehrfach, die Asienspiele, die World Tour Finals und natürlich Olympisches Gold. Sein Spielstil ist geprägt von einer unglaublichen Beidhändigkeit, explosiven Bewegungen und einer taktischen Raffinesse, die ihn von seinen Konkurrenten abhebt. Doch es ist seine mentale Stärke, die ihn wirklich außergewöhnlich macht. In entscheidenden Momenten bewahrt er eine stoische Ruhe, die seine Gegner zur Verzweiflung treibt. „Er spielt, als hätte er eine Eismaschine im Herzen“, sagte einmal ein Trainer. „Keine Emotion, nur pure Kontrolle.“
Während der WM gab es auch eine amüsante Anekdote, die sein Image als kühler Perfektionist aufweicht. Auf die Frage, ob er und Timo Boll eher Chinesisch oder Englisch miteinander sprechen würden, antwortete Ma Long mit einem verschmitzten Grinsen: „Arabisch.“ Ein simpler, überraschender Witz, der zeigt, dass er Humor besitzt – jenseits des harten Wettkampfs. Leider war ich nicht dabei, aber andere Journalisten berichteten begeistert davon. Solche Momente machen ihn auch für die internationale Presse zugänglicher, obwohl er sich oft zurückzieht.
Die Suche nach Ma Long war also letztlich vergeblich. Der beste Tischtennisspieler der Welt ist einer, den alle mögen – seine Konkurrenten, die Journalisten, die Fans sowieso. Obwohl er so gut ist, dass es fast langweilig werden könnte, bleibt er eine faszinierende Persönlichkeit. Sein Spiel vereint Gefühl und Druck, nie aber Geduld. Er ist ein Angreifer, der jede Schwäche sofort bestraft. Und sein Verschwinden nach dem Spiel gegen Boll war wohl weniger eine Flucht als vielmehr eine strategische Entscheidung – ein Profi, der genau weiß, wann er Energie sparen muss.
In den folgenden Tagen der WM dominierte Ma Long weiter. Er zog souverän ins Halbfinale ein und ließ keinen Zweifel daran, wer der Herausforderer auf den Titel war. Die Konkurrenz, darunter der junge Chinese Fan Zhendong, der Japaner Tomokazu Harimoto und der deutsche Star Dimitrij Ovtcharov, kämpften um die Chance, ihn zu entthronen. Doch Ma Long blieb unerschütterlich. Sein Fokus war ungebrochen, sein Spiel makellos. Jeder, der ihn sah, spürte: Hier war ein Athlet auf einer Mission, der seinen Platz in der Geschichte nicht nur behaupten, sondern festigen wollte.
Die WM 2017 in Düsseldorf war ein Meilenstein in Ma Longs Karriere. Er gewann nicht nur den Einzeltitel, sondern auch im Doppel. Es sollte sein dritter Einzel-Weltmeistertitel in Folge werden, eine Leistung, die vor ihm nur wenige erreicht hatten. Sein Name wurde zum Synonym für Dominanz. Doch trotz aller Erfolge blieb er bodenständig. In Interviews gab er sich bescheiden, sprach von Teamwork und harter Arbeit. Sein Coach, Liu Guoliang, lobte ihn als „Spieler, der niemals zufrieden ist“ – ein Perfektionist, der ständig nach Verbesserungen sucht.
Warum also dieser Drang, sich nach einem Sieg zu verstecken? Vielleicht ist es der Preis des Ruhms. Ma Long hat gelernt, seine Privatsphäre zu schützen, selbst in den wenigen freien Minuten nach einem Match. Die ständige Aufmerksamkeit, die Erwartungen einer ganzen Nation – das sind Lasten, die nur schwer zu tragen sind. Vielleicht wollte er einfach für einen kurzen Moment der Mensch sein, der lacht, bevor er wieder zum Champion wird. Oder er hatte einen wichtigen Termin mit seinem Team. Wir werden es nie genau erfahren. Aber die Erinnerung an seinen flüchtigen Abgang bleibt – ein kleines Geheimnis in der ansonsten so transparenten Welt des Spitzensports.
Ma Longs Einfluss reicht weit über die Tischtennishalle hinaus. Er ist ein Vorbild für Millionen, ein Botschafter seines Sports. In China dient sein Name als Synonym für Disziplin und Streben nach Exzellenz. Junge Spieler kopieren seine Technik, studieren seine Matches. Sein Spielstil hat neue Standards gesetzt: die explosive Vorhand, die fast schon telepathische Antizipation, die Fähigkeit, aus scheinbar aussichtslosen Positionen zurückzukommen. Kein Wunder, dass selbst gestandene Profis wie Timo Boll voller Respekt von ihm sprechen.
Die Begegnung mit Ma Long, selbst wenn sie nur aus der Ferne und einem kurzen Flüchtigkeitsmoment bestand, hat meine Sicht auf den Spitzensport verändert. Hinter jedem Rekord und jeder Medaille steht ein Mensch, seine Eigenheiten und kleinen Rituale. Dass er sich nach einem Sieg davonstahl, war vielleicht sein Recht – und sein Ausdruck von Freiheit in einem Leben, das sonst minutiös durchgetaktet ist. Vielleicht war es genau das, was ihn zu dem Ausnahmesportler macht: die Fähigkeit, den Moment zu nutzen, auch wenn dieser Moment der Flucht ist.
Es bleibt also unklar, wohin er verschwand. Aber eines ist sicher: Ma Long wird immer wieder auftauchen, dort, wo es zählt – auf dem Platz, mit einem Schläger in der Hand, bereit, die nächste Herausforderung anzunehmen. Und das ist letztlich das Einzige, was zählt.
Source: DIE ZEIT News